Was ist Urushi?

Was ist Urushi?

Dienstag, der 30. April 2019 3 Von Lena Fritzsche

Hast du schon mal was von Urushi gehört? Urushi wird im Deutschen auch Chinalack oder Japanlack genannt, was bereits darauf hinweist, dass die Heimat dieses Lackes Ostasien ist.

Das erste mal, dass ich auf dieses Material gestoßen bin, war, als ich mich mit Kintsugi auseinandergesetzt habe. Kintsugi ist eine Technik aus Japan, mit der man zerbrochene Keramikgegenstände auf ästhetische Weise reparieren kann. Als ich meinen Abschluss zur Produktdesignerin machte, wollte ich für eine meiner Abschlussarbeiten diese Technik ausprobieren und habe mir Urushi bestellt. Aufgrund mangelnder Informationen habe ich die Kintsugi-Technik allerdings ganz falsch ausgeführt (das Endergebnis des Designprojektes kannst du HIER sehen). Inzwischen habe ich direkt in Japan gesehen, wie Kintsugi richtig funktioniert, und mein Wunsch ist es in näherer Zukunft einen Kurs zu belegen.

Während eines Besuches bei dem Urushi-Händler Sato Kiyomatsu Shoten Co. in Kyoto habe ich viel über den Allrounder Urushi gelernt. Traditionell wird der Lack für alle möglichen Alltagsgegenstände eingesetzt, da er Rost- und Schimmelbildung verhindert, was bei dem feuchten japanischen Klima sehr nützlich ist. Heutzutage greift man überwiegend auf chemische Materialien zurück. Aber erstmal zurück zum Anfang: Woher kommt Urushi eigentlich genau?

Herstellung

ein “abgeernteter” Baumstamm

Urushi wird aus dem Harz des ostasiatischen Lackbaumes (Urushi no Ki) gewonnen. Dieser Baum mag kein Schnee, aber bevorzugt kühle Sommer und viel Wasser. Daher wird angenommen, dass er ursprünglich aus chinesischen Gebirgen stammt. Er hat sich aber auch in andere ostasiatische Länder verbreitet, wobei die Menschen ihm sicherlich geholfen haben. Das japanische Klima ist eigentlich nicht das beste für den Urushi-Baum, dennoch ist es möglich ihn hier in Plantagen anzubauen. Ganz besonders bekannt für den Anbau ist die Präfektur Iwate.
Wenn ein Baum 10-15 Jahre alt ist, wird er angeritzt, damit das Harz herausläuft. Pro Baum kann man etwa 200g Harz gewinnen. Danach wird der Baum gefällt und ein neuer gepflanzt. Da die Bäume in einer Plantage sehr eng stehen, würde es zu eng werden, wenn die Bäume noch älter und größer werden. In einer Saison (Sommer) kann eine Person in Japan ungefähr 80kg ernten, während es in China 400kg sind. In China stehen die Bäume nicht auf Feldern, sondern auf Berghängen. Während die Arbeiter früh morgens den Berg hochlaufen, ritzen sie die Bäume an. Auf dem Weg nach unten füllen sie das Harz ab.

Das Harz durchläuft anschließend mehrere Verarbeitungsphasen: Fremdkörper,wie Staub, werden herausgefiltert, es wird gemahlen und zu verschiedenen Prozenten mit Wasser vermischt. Jede unterschiedliche Zusammensetzung des Lacks findet eine andere Anwendung.
Die Konsistenz von Urushi wird vom UV-Lichteinfall beeinflusst. Die chemischen Verbindungen werden von den Strahlen gespalten. Die Partikel absorbieren das Licht und lösen sich auf. Darum ist es wichtig, Urushi lichtgeschützt zu lagern.

Samen des Urushi no Ki

Neben dem Harz werden auch die Samen des Lackbaumes genutzt. Wenn man sie dünstet und ausquetscht, kann man Wachs für Kerzen daraus gewinnen.

Verwendung

Der älteste Fund, bei dem man den Einsatz von Urushi nachweisen kann, ist ein 12000 Jahre alter mit Urushi beschichteter Damm, der dazu diente, die Strömung eines Flusses zu mindern. Ein 9000 Jahre altes Gewand wurde in einem Grab gefunden und sollte Böses abwenden. Ein weiterer Fund ist ein Kamm, der vor 6000 Jahren mit Urushi überzogen wurde.

In der japanischen Gesellschaft waren Lackwaren anfangs Adligen vorbehalten, später wurden sie jedoch auch von reichen Händlern und Bürgern genutzt und geschätzt. Mit Urushi veredelte man Alltagsgegenstände wie Schüsseln, Kästchen oder Essstäbchen, aber auch Samurai-Rüstungen. Die Urushi-Kunsthandwerker wurden von den Samurai kontrolliert und lebten in deren Schlössern. Doch da die Samurai-Herren häufig nicht genug Geld besaßen, um die Lackkunst exklusiv für sich zu beanspruchen und rechtmäßig bezahlen zu können, haben die Handwerker ihre Waren auch an Händler verkauft und sind aus den Schlössern ausgezogen.

In der Azuchi-Momoyama-Zeit (ca. Ende 16. Jh.) gelangten die ersten Lackwaren nach Europa. Aufgrund der Begeisterung für dieses Material entstanden auch neue Kunstwerke aus einer Verbindung aus japanischer und europäischer Kunst.

Urushi mit Siebdruck auf Stoff gedruckt

Urushi ist ein sehr teurer Rohstoff, weshalb auch schon vor der Erfindung von Kunstharzen auf billigere Materialien wie Petroleum oder Walöl zurückgegriffen wurde. Doch Urushi war immer der Lack mit der höchsten Qualität: Die Urushi-Beschichtung hat einen intensiven Glanz und eine unvergleichbare Tiefe, sie ist beständig gegen Hitze, Wasser, Alkohol, Lösemittel und Säuren, auf Geweben dauerhaft elastisch und nach Aushärtung komplett ungiftig. Nur langandauernde direkte Sonneneinstrahlung schadet dem Lack.


Goldfäden

Für goldene Weberei oder Stickerei (z.B. bei Kimonos und Obis) wird Mitsumata-Papier mit Urushi bestrichen und Blattgold bedeckt. Anschließend wird das Papier in dünne Streifen geschnitten und um einen Seidenfaden gewickelt (siehe auch Ironenkin). Heutzutage gibt es auch die „Fake-Variante“ aus Aluminium und Polyester.

Hier wurde auf Gold verzichtet und das mit Urushi beschichtete Papier direkt in das Textil eingewoben.

Stoffdruck

Katagami

Auch für den traditionellen Stoffdruck wird nach wie vor Urushi eingesetzt. Katagami sind Siebdruck ähnliche Schablonen, die aus Washi (Japanischem Papier) bestehen, das mit Urushi bestrichen wird. Auf den Lack wird ein grobes Gewebe geklebt, das die einzelnen Papierteile zusammenhält. Der Lack dient nicht nur als Verbindung zwischen Washi und Gewebe, sondern macht die Schablone auch wasserbeständig, sodass sie viele Male eingesetzt werden kann.


Maki-e

Eine sehr beliebte Technik für Lackwaren ist Maki-e. Diese Technik wurde ursprünglich im 8. Jahrhundert aus China importiert. Hierbei „malt“ der Künstler feine Bilder aus Gold- und Silberpuder auf den Lack. Dafür beschichtet man die Oberfläche zuerst mit Urushi, dann wird das Puder darauf gestreut und eine weitere Schicht Urushi aufgetragen. Das Ganze wird dann poliert. Insgesamt werden viele Schichten übereinander aufgetragen und poliert. Auch Perlmutt wird gern verwendet. Hier ist das Perlmutt jedoch die letzte Schicht, da darüber kein Urushi mehr aufgetragen werden kann.


Restaurierung

Samurai-Rüstung

Es gibt viele verschiedene Arten von Urushi mit unterschiedlichen Färbungen und Zusammensetzungen. Für jede Funktion braucht man einen anderen Lack. Japanischer Lack ist eher flüssig, während chinesischer eher dick und klebrig ist. 98% des in Japan verwendeten Urushis werden aus China, Taiwan und Vietnam importiert. Vor drei Jahren beschloss die japanische Regierung, dass zur Restauration von alten Kulturschätzen nur japanischer Lack verwendet werden dürfe. Die Präfekturen Iwate und Ibaraki, die die Hauptanbaugebiete des Lackbaumes sind, hatten darum gebeten. Allerdings wurden schon in der Vergangenheit importierte Lacke für diese Kunstwerke verwendet, da sie sich besser dafür eigneten. Mit rein japanischem Urushi ist das Restaurieren sehr umständlich.


Schmuck & Kunst

Für moderne Anwendungen kann man dem Lack auch Pigmente beimischen. Sato Kiyomatsu Shoten Co. hat 100 verschiedene Farben zur Auswahl mit denen z.B. Schmuck bemalt werden kann.
Die Firma bietet auch Workshops an für Kintsugi, Maki-e und Lackbeschichtung. Wenn ihr mal in Kyoto unterwegs seid und mehr über Urushi erfahren wollt, meldet euch gern auf der Website an.